Fledermäuse in der Stadt 2020 – baumhöhlenbewohnende Arten

Baumhöhlenbewohnende Fledermausarten

Im Citizen Science Projekt „Fledermäuse in der Stadt“ haben wir in den Jahren 2019 und 2020 die Lebensbedingungen der Fledermausarten im Siedlungsraum in Zürich untersucht. Ziel des zwei­jährigen Projektes war es, (1) die Bevölkerung für die heimlichen Königinnen der Nacht zu sensi­bilisieren, (2) Quartiere der unterschiedlichen Fledermausarten zu identifizieren und zu schützen und (3) Empfehlungen zu erarbeiten, wie die Fledermäuse gefördert werden können. Während wir im Projektteil 2019 die Arten untersuchten, die in Gebäuden wohnen, standen im Projektteil 2020 Arten im Fokus, die Baumhöhlen bewohnen. In sechs Teilprojekten haben wir mit ver­schiedenen Methoden das Verhalten der Fledermäuse und das Angebot an Quartieren auf dem Stadtgebiet untersucht. Tatkräftig unterstützt wurden wir dabei durch unser Netzwerk aus Frei­willigen.

Baumhöhlenbäume gesucht und gefunden

Fledermausarten wie der Grosse Abendsegler und die Wasserfledermaus sind auf Baumhöhlen angewiesen. Sie nutzen sie als Quartiere, in denen sie den Tag verbringen, überwintern oder ihre Jungen aufziehen. Will man die Fledermäuse schützen, muss man wissen, wo diese Baumhöhlen sind. Nur so können bei der Bewirtschaftung des Waldes geschützt werden. In einer erfolgreichen Suche in den Zürcher Stadtwäldern haben wir 265 Höhlenbäume gefunden und sie deutlich mar­kiert, damit sie bei den Forstarbeiten nicht gefällt werden.

Fledermäuse nutzen Spechthöhlen als Quartier.
Die Höhlenbäume wurden mit Spechtsilhouetten markiert.
Wasserfledermäuse brauchen mehr als eine Wohnung

Die Radiotelemetrie ist eine bewährte Methode in der Fledermausforschung. Man montiert den Fledermäusen kleine, leichte Sender auf den Rücken und verfolgt die Signale mit Empfangs­geräten. Die Fledermäuse verraten uns so, wo sie sich aufhalten und auf welchen Flugrouten sie unterwegs sind. Wasserfledermäuse bevorzugen stehende oder nur schwach fliessende Gewäs­ser als Jagdgebiete. Gute Orte also, um unsere Fangnetze aufzustellen. Bei unseren Fangaktionen landeten 33 Wasserfledermäuse in den Netzen. Von diesen haben wir acht Tiere mit Telemetrie­sendern ausgestattet. Überraschendes Ergebnis der so erhaltenen Daten war, dass die Wasser­fledermäuse an sehr verschiedenen Orten in der Stadt jagten und weite Strecken zwischen Quar­tier und Jagdgebiet zurücklegten. Die besenderten Tiere führten uns auch zu zwei neuen Quartie­ren und ihr Verhalten verriet uns zudem, dass sie ihre Quartiere häufig wechseln.

Die Radiotelemetrie erlaubt, die fliegenden Fledermäuse zu verfolgen. Der kleine Sender ist mit einer Antenne ausgestattet. Nach 14 Tagen fällt er ab.
Die Weissrand- und die Zwergfledermaus leben in Gebäude, aber sind keine Nachbarn

Gewisse Fledermausarten wie die Weissrand- und die Zwergfledermaus leben in den Spalten und Ritzen von Gebäuden. Der kantonale Fledermausschutz sammelt alle Hinweise auf solche Fleder­mausquartiere. Weil es viel Zeit braucht zu kontrollieren, ob die Quartiere über die Jahre von den Fledermäusen genutzt werden, haben wir mit Freiwilligen bei der Kontrolle mitgeholfen. Fleder­mäuse verlassen während der Abenddämmerung ihre Quartiere und bei der Rückkehr früh­morgens schwärmen sie vor dem Quartier, bevor sie sich für den Tag zurückziehen. Dieses Ver­halten haben wir für unsere Kontrollen genutzt und festgestellt, dass von den 49 bekannten Quartieren aktuell nur noch zwölf Quartiere von Fledermäusen benutzt werden. Allerdings fan­den wir 45 neue Quartiere, von denen 18 von Weissrandfledermäusen und 17 von Zwergfleder­mäusen genutzt wurden. Es waren hauptsächlich Sommerquartiere, die besonderen Schutz brau­chen. Modellberechnungen zeigten schliesslich auf, dass Weissrand- und Zwergfledermäuse an unterschiedlichen Orten in der Stadt wohnen; ein wichtiges Ergebnis für die Quartierförderung.

Die Zahl der Grossen Abendsegler geht zurück

Wie bei der Wasserfledermaus haben wir auch beim Grossen Abendsegler die Radiotelemetrie eingesetzt, um seine Quartiere ausfindig zu machen. Mithilfe von grossen Keschern haben wir im Gebiet Werdhölzli an der Limmat und im Hönggerbergwald 42 Abendsegler abgefangen und 15 Tiere mit einem Sender ausgestattet. Zusätzlich haben wir bei einem Männchen und einem Weib­chen getestet, ob sich ein neuartiger GPS-Logger für die Überwachung ihrer Aktivität eignet. Auch wenn die GPS-Positionen teilweise etwas ungenau waren, haben wir dennoch einen einmaligen Einblick erhalten, wie die Abendsegler ihren Lebensraum nutzen, wo sie jagen, schlafen und sich fortpflanzen.

Insgesamt 50 Quartiere konnten wir dadurch ausfindig machen. Die Gebiete rund um die Werdinsel und der Hönggerbergwald sind also für die Grossen Abendsegler von grosser Bedeutung. Vergleicht man die Daten mit einem Projekt aus dem Jahr 1990, entsteht allerdings der Eindruck, dass aktuell weniger Grosse Abendsegler unterwegs sind. Möglicherweise setzen dem Grossen Abendsegler die Windenergieanlagen zu, die sehr zahlreich auf seinen Zug­routen zwischen Sommer- und Winterquartieren stehen. Umso wichtiger ist es, bestehende Quar­tiere der Grossen Abendsegler zu schützen und ihre Bestände zu überwachen.

Ein besendeter Grosser Abendsegler, den wir bei der Kontrolle in einem Fledermauskasten im Hönggerbergwald gefunden haben.
Singende Abendsegler verraten ihre Quartiere

Im Spätsommer sitzen die männlichen Abendsegler am Eingang einer Baumhöhle und locken die Weibchen mit Balzrufen in ihre Baumhöhlen. Diese zwitschernden Rufe sind für uns Menschen hörbar, und will man Quartiere von Abendseglern finden, muss man lediglich diesem Gezwitscher folgen. Doch so einfach ist das leider nicht. Auf 28 Abendspaziergängen in den Zürcher Stadt­wäldern haben wir nur fünf solcher Paarungsquartiere gefunden. Vermutlich ist es schwierig, die Rufe aus den anderen Geräuschen des Waldes herauszuhören. Denn oft ist das Zwitschern nur auf kurze Distanz hörbar. Möglicherweise sind jedoch auch weniger Quartiere besetzt als vor 30 Jah­ren, als auf solchen akustischen Abendspaziergängen viele Quartiere gefunden wurden.

Artenspürhunde – immer der Nase nach

Artenspürhunde sind bei der Suche nach Tieren eine grosse Hilfe. Sie erschnüffeln dank ihres aus­gezeichneten Geruchsinns die gesuchten Arten schnell und zuverlässig. Ein Artenspürhunde-Team des Vereins Artenspürhunde Schweiz hat uns dabei unterstützt, weitere Fledermausquartiere im Wald zu finden.

Auf 20 Waldflächen, die wir zuvor ausgeschieden hatten, hat der Hund bei 227 Bäumen mögliche Fledermausquartieren angezeigt. Das waren erfreulich viele, doch müssen diese Quartiere alle überprüft werden, ob sie wirklich besetzt sind. Da diese Suche erst im Herbst stattfand, war es uns nicht mehr möglich, alle Quartiere vor dem Winterschlaf der Fledermäuse zu kontrollieren. Lediglich sechs Quartiere konnten wir überprüfen, wobei wir nur bei einem dieser Bäume Fleder­mäuse nachweisen konnten. Dennoch ist die Methode erfolgversprechend, sie muss aber noch verfeinert werden.

Artenspürhund Eske zeigte die gefundenen Fledermausquartiere durch Sitzen an. Diese Bäume wurden mit einem blauen, abbaubaren Markierband markiert.
Finanzierung des Projekts

Folgende Stiftungen, Institutionen und Organisationen haben das Projekt finanziell unterstützt: Anna Maria und Karl Kramer-Stiftung, Bundesamt für Umwelt, Else v. Sick Stiftung, Erica Stiftung, Ernst Göhner-Stiftung, Eva Husi-Stiftung für Tierschutz, Stiftung EXEKIAS, Forma Futura AG, Stierli Stiftung, Stotzer-Kästli-Stiftung, Temperatio Stiftung, Uranus Stiftung, Valüna Stiftung, Vontobel Stiftung, Arbeitsgemeinschaft SWILD, Grün Stadt Zürich sowie zwei Stiftungen, die hier nicht genannt werden möchten. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

Artporträt

Nyctalus noctula
Myotis daubentonii