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Das mysteriöse Verschwinden der Spatzen

26.09.2020, Claudia Kistler

Alle kennen ihn: Den lustig tschilpenden Spatz, der vorwitzig die Brösmeli vom Tisch pickt, sich mit seiner Schar vernehmlich in der Hecke an der Tramstation tummelt oder einem im Zürcher Hauptbahnhof über den Kopf saust und die Lokomotiven nach Insekten absucht. Doch der kleine gefiederte Stadtbewohner, der den Menschen schon seit Tausenden von Jahren begleitet, hat in vielen westeuropäischen Städten Probleme und seine Bestände nehmen ab. Die Wissenschaft sucht fieberhaft nach Erklärungen.
Der flinke Profiteur

Wenn ich morgens in den Hühnerstall komme, sind die Spatzen jeweils schon da und balgen sich in der dicht gewachsenen Waldrebe oder hüpfen im Holunder herum. Stosse ich die Türe zur Voliere auf, stieben sie davon, nur um sofort wieder auf dem Volierenrand zu landen und die Lage zu beobachten. Sobald ich die Portion Körner für die Hühner verstreut habe und mich umkehre, um den Stall zu reinigen, höre ich in meinem Rücken das typische Pickpickpick von über einem Dutzend kleiner Schnäbel. Dreh ich mich um, erfolgt blitzschnell das kollektive Auffliegen und dann geht das Spiel von vorne los. Nun denn, sollen sie ihren Teil der Futterration haben! Mit ihrer gewitzten Art haben sie mich längst um den Finger bzw. den Flügel gewickelt.

 

 

Im Hühnerstall: Die Spatzen lernen sehr schnell, wo das Futter leicht erreichbar ist.

© Claudia Kistler / stadtwildtiere.ch

 
Tischgemeinschaft von Mensch und Spatz

Der Haussperling oder Hausspatz (Passer domesticus) begleitet den Menschen schon seit Tausenden von Jahren. Seine erfolgreiche Ausbreitungsgeschichte begann schätzungsweise vor 3000 bis 7500 Jahren. Vor 10'000 Jahren begann der Mensch sesshaft zu werden und Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Von dieser neuen Lebensform profitierten die Spatzen, weil sie in Form von Getreide und Viehfutter viel zusätzliche Nahrung erhielten. Als sich die menschliche Zivilisation in die Paläarktis und Asien ausbreitete, folgte ihr der Spatz. So entstand das Zusammenleben von Spatz und Mensch, was die Wissenschaft auch Kommensalismus nennt, eine Art Tischgemeinschaft, bei der eine Partner vom Überschuss des anderen lebt (1).

 

 

Speiseüberreste sind in der Stadt reichlich vorhanden. © Antramir / flickr.com

Heute sind Spatzen weltweit verbreitet. Sie sind stark vom menschlichen Angebot an Nahrung und Nistplätzen abhängig. Der gesellige Vogel brütet in Nischen und Hohlräumen von Gebäuden oder in Nistkästen oder übernimmt Schwalbennester. Er ernährt sich hauptsächlich von Samen, Getreide und Beeren sowie von Wirbellosen.

 

 

Spatzen sind für die Jungenauzucht auf ein gutes Insektenangebot angewiesen, denn die Jungtiere brauchen tierisches Protein für das Wachstum. © Ouwesok / flickr.com

Dramatischer Rückgang in westeuropäischen Städten

Ein erster Rückgang der Spatzenpopulation in Städten erfolgte während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Pferdefuhrwerke langsam von den Autos abgelöst wurden. Ställe, Futterplätze und Pferdeäpfel hatten den Spatzen viel Nahrung geboten, die nun wegfiel. Seit den späten 1970er Jahren ist ein zweiter, besorgniserregender Rückgang der Spatzenpopulationen in vielen westeuropäischen Städten zu verzeichnen.

 

 

In Hohlräumen an Gebäuden bauen die Spatzen ihre Nester.

© dotcomdotbr / flickr.com

In Paris beispielsweise hat die städtische Population innerhalb von 15 Jahren um 89 Prozent abgenommen. Die Langzeitdaten zu dieser aktuellen Studie hatte ein umfangreiches Citizen Science Projekt geliefert (2). In Belgien hat die Zusammenarbeit von Wissenschaft und interessierter Bevölkerung zu ähnlichen Resultaten geführt (3). Die Wissenschaft rätselt über die Gründe.

 

In der französichen Metropole Paris haben möglicherweise die Sperber zum Rückgang beigetragen. Er ist neben der Hauskatze einer der Hauptfeinde der Spatzen und sein Bestand nimmt in Paris wie in vielen anderen städtischen Gebieten zu. Ein weiterer Faktor ist der Verlust von Grünräumen und somit auch der Rückgang der Insekten, auf die die Spatzen für eine erfolgreiche Jungenaufzucht angewiesen sind. Durch die moderne Bauweise oder Renovationen von Altbauten schwinden die Nistmöglichkeiten. Aber auch Luft-, Lärm und Lichtverschmutzung, die Erwärmung des Klimas, die Zunahme der Anzahl Katzen, die Konkurrenz zwischen Arten wie zum Beispiel Tauben oder die Ansteckung mit Parasiten durch andere Vogelarten kommen als Ursachen in Frage und werden untersucht.   

 

 

Der Sperber (Accipiter nisus) ist einer der Hauptfeinde von Spatzen.

© Cornelia Hürzeler / stadtwildtiere.ch

Spatzen brauchen naturnahe Grünräume

In der Schweiz ist der Hausspatz nicht bedroht. Dennoch ist regional ein starker Rückgang zu verzeichnen, teilweise bis zu 40 Prozent. Helfen kann man den gefiederten Freunden, indem man naturnahe Gärten und Balkone pflegt, die Nahrung für Insekten und Spatzen liefern. In München werden eigens für die Spatzen Vogeltürme mit vielen Nistplätzen aufgestellt und Hecken gepflanzt. Der Rückgang der Spatzen ist hier so drastisch, dass die Art in Bayern auf die Vorwarnliste der Roten Liste aufgenommen wurde.

 

 

Naturnahe Gärten sind für Spatzen überlebenswichtig. In trockenen Perioden kann man Wasserstellen für sie einrichten. © Franziska Lörcher / stadtwildtiere.ch

Von Raupen und Schlafbäumen

Als ich diesen Frühling einmal eines Morgens aus dem Haus trat, konnte ich beobachten, wie die Spatzen die Raupen des Buchsbaumzünsler von der bieder zurechtgestutzten Buchsbaumhecke pickten. ‘Ha! Hat es doch was Gutes, dieses doofe Pseudogrün’, dachte ich und hoffte, dass der Gärtner seine biologischen Helfer machen lässt und auf das "Gifteln" verzichtet. Jetzt im Herbst fällt mir auf, dass bei den Hühnern eindeutig weniger Futter wegkommt. Die abendliche Körnerration gehört wieder ganz den Hühnern und den Mäusen. Denn die ansehnliche Spatzenschar versammelt sich jeweils schon vor der Abendfütterung auf ihrem Schlafbaum in der Nähe. Dort geht es eine Weile lang recht laut zu und her, bis dann schliesslich mit fortschreitender Dämmerung Ruhe einkehrt.

 

 

Spatzen sind gesellige Tiere und meist in Gruppen unterwegs. © Mr.TinDC / flickr.com

 

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Quellen

(1) Saetre, G.P.et al., 2012. Single origin of human commensalism in the house sparrow. Journal of Evolutionary Biology 25, 788-796. (abstract)

(2) Mohring, B., Henry, P.-Y., Jiguet, F., Malher, F., Angelier, F., 2020. Investigating temporal and spatial correlates of the sharp decline of an urban exploiter bird in a large European city. Urban Ecosystems. (abstract)

(3) De Coster, G., De Laet, J., Vangestel, C., Adriaensen, F., Lens, L., 2015. Citizen science in action—Evidence for long-term, region-wide House Sparrow declines in Flanders, Belgium. Landscape and Urban Planning 134, 139-146. (abstract)

 

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